Es wird schon alles irgendwie gut ausgehen.

Krisen – Schuhe. Oder: Der Tag, an dem ich die Kontrolle verlor und „Vertrauen“ lernte.

Woran wirst Du Dich erinnern, wenn Du in fünf Jahren an diese Zeit zurückdenkst? An Homeschooling und Homeoffice? An den Satz „könnt Ihr mich hören“ während eines Zoom – Meetings, an virtuelle “Quarantinis“ spätabends mit der besten Freundin, Jogginghosen, Haaransatz, Maskenpflicht und die Frage: Wie groß ist eigentlich ein Babyelefant?

Bei mir sind es meine weißen Sneakers. Meine Krisenschuhe. Seit dem 13.3. trage ich sie ausschließlich und täglich (außer an den Tagen, an denen ich das Haus nicht verlasse, natürlich).

Ich trage sie, wenn ich durch die Stadt gehe. Ich trage sie, wenn ich mich in den Supermarkt begebe und zum Spazieren an der Donau. Zum Arbeiten trage ich sie auch.
(Mittlerweile sind sie nicht mehr ganz so weiß und von einer gewissen Patina geprägt. Aber das macht nichts.)

Das wäre noch vor ein paar Wochen undenkbar gewesen. Weiße Sneakers? Zum Arbeiten? Pfffff.

Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen tut es die Kleidung. Corona und Highheels: Kein perfect match. Diese Wochen sind nicht gemacht für Schuhe mit Absätzen. In Zeiten wie diesen, in denen es an manchen Tagen schon eine Leistung ist, dass man es geschafft hat, morgens das Bett zu machen und keinen Nervenzusammenbruch zu erleiden, braucht es Schuhe, die einem Erdung verschaffen. Die einen dabei unterstützen, nicht aus den Latschen zu kippen.

Die Geschichte meiner Krisen – Schuhe ist eine Geschichte, die von Anfang an eine gewisse Dramatik nicht entbehrt. Der Tag, an dem ich sie erstand, war ein denkwürdiger Tag. An einem Tag wie diesen kauft man keine Schuhe für laue, leichte Sommernächte. An so einem Tag muss es etwas Bodenständigeres sein.

Aber von Anfang an:

Es passierte letzten August. Ich war für ein paar Tage allein in Stockholm und bin auf dem Weg dorthin im Flugzeug ungefähr 40 Minuten vor der Landung umgekippt. Und zwar so richtig.
Jeder Mensch hat eine Geschichte auf Lager, die er genau dann zum Besten gibt, wenn in einer geselligen Runde alle vom „peinlichsten Moment ihres Lebens“ erzählen.

Diese ist meine. Noch saß ich müde (Frühflug!), jedoch quietschvergnügt auf meinem Platz, zack – lag ich ganz hinten auf dem Boden und wunderte mich, weshalb ich erstens liege und zweitens, was all die aufgeregten Stimmen von mir wollen. Ich bin einfach so in Ohnmacht gefallen (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Crew von Austrian Airlines und die nette Notärztin, die zufälligerweise an Board war. Sie alle haben sich rührend um mich gekümmert).

Da lag ich also auf dem Boden im Hinteren des Flugzeugs –  sehr schwach, sehr verwirrt und sehr peinlich berührt – als mir exakt zwei Gedanken kamen:

  1. Du hast keine Kontrolle über das, was gerade geschieht. (ich meine, mehr die Kontrolle über sein Leben zu verlieren, als – allein reisend – in einem Flugzeug in Ohnmacht zu fallen, geht eigentlich nicht, oder?)
  2. Es wird schon alles irgendwie gut ausgehen.

Das Erstaunliche daran war: Nie hatte ich mehr Vertrauen ins Leben an sich und in die Menschheit als in diesem Moment.

Die beiden Gedanken waren immer noch in meinem Kopf, als mich – mittlerweile am Infusionstropf hängend – in Stockholm die Rettungssanitäter aus dem Flieger holten.

Sie waren immer noch da, als ich zwei Stunden lang in einem Zimmer der Notaufnahme eines schwedischen Krankenhauses lag.

Und auch dann noch, als mir klar wurde, dass ich keine Ahnung hatte, wo mein Gepäck abgeblieben war.

Du hast keine Kontrolle mehr. Es wird schon alles irgendwie gut ausgehen.

Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis, irgendjemanden anzurufen. Ich vertraute einfach den Menschen, die mich – im wahrsten Sinne des Wortes – aufgefangen und getragen haben.

Mein geduldiger Sitznachbar, der mir, mittlerweile wieder schlapp in meinem Sitz hängend und leise vor mich hin stöhnend – freundlicherweise einen feuchten Lappen auf die Stirn drückte. Die nette Notärztin, die hinter mir Platz genommen hatte und mir, den Infusiontropf haltend, gut zuredete. Die Austrian Airlines – Crew, die mir mitfühlend und liebevoll Cola einflößte und umsichtig meinen Abtransport organisierte. Die Sanitäterin, die mich aus dem Flugzeug schob, mich in einen Rettungswagen verfrachtete und mir das Gefühl gab, all dies wäre das selbstverständlichste der Welt. Die Ärzte und Schwestern im schwedischen Krankenhaus, die sich um mich kümmerten.

Nie zuvor hatte ich so sehr die Kontrolle verloren.  Also übte ich mich in Hingabe.

Ich schwöre: Ich hatte nicht einen einzigen Augenblick lang Angst. Ich wusste: Es wird schon alles irgendwie gut ausgehen.

Und das tat es letztendlich auch.

Nach zwei Stunden war mein Kreislauf stabil genug, um mich in ein Taxi zu setzen und zum Airport zurückzufahren, wo ich erstmal nach meinem Koffer Ausschau hielt.
Später, mittlerweile in meinem Hotel in Stockholm angekommen, beschloss ich, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, um ein paar Boutiquen aufzusuchen (für Sightseeing war ich noch zu schwach).

An diesem Nachmittag fand ich meine weißen Sneakers. Als hätte ich gewusst, dass der kleine Vorfall im Flieger bloß die Vorübung war fürs „Kontrolle verlieren“. Dass eine Zeit bevorsteht, in der „Standfestigkeit“ mitunter anmutet wie ein Kunststück im Zirkus. Für eine Zeit eben, in der man robuste Komplizen braucht, die einen zuverlässig durchs Leben tragen.

Ich werde meine Krisenschuhe auch in den kommenden Wochen anbehalten, denn sie rufen mir jeden Morgen beim Zubinden der Schnürsenkel zwei wichtige Details in Erinnerung:

  1. Ich habe keine Kontrolle über mein Leben. Nicht, wenn ich gerade bewusstlos über den Wolken schwebe und auch nicht, wenn ich meinen vermeintlich geregelten Alltag stemme.
  2. Es wird schon alles irgendwie gut ausgehen.

Daniela

 

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